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Katastrophal

Wenn man beim Radio arbeitet, ist es Alltag, Informationen zu verbreiten. Da die Menschen früh informiert werden wollen, gehört auch frühes Austehen beim Radio dazu. So war es bei mir auch vor etwas über einer Woche. Der Donnerstag war gesprickt vom Bahnstreik. Wir hatten eine tolle Frühsendung und alles Wichtige sehr ansprechend aufbereitet im Programm. Ich war sehr, sehr zufrieden. Normalerweise fallen mir und meinen KollegInnen immer Dinge ein, die verbessert werden könnten. Aber an diesem Morgen hätte es wirklich nicht besser laufen können.

Der nächste Morgen. Es war Freitag, der 11. März 2011. Ich hatte erneut Frühdienst. Die Themenlage war nicht so gut, wie am Morgen davor. Trotzdem lief alles recht entspannt. Bis dann so langsam die Informationen über ein Erdbeben in Japan eintrafen. Ein sehr starkes Erdbeben. Ich hatte mir erstmal nichts schlimmes dabei gedacht. Denn für unsere Bergiffe sind alle Erdbeben in Japan sehr stark. Als dann aber mehr Informationen eintrudelten, wandelte sich das Bild schnell. Kurzerhand änderte sich unser gesamtes Programm. Besonders, als dann auch noch die Warnung vor einem Tsunami getickert wurde. Es dauerte nicht lange, da traf auch der Tsunami auf die japanische Küste.

Wir machen zwar Radio. Aber trotzdem gibt es in Radio-Studios auch Fernseher. Erschreckende Bilder waren in der Kiste zu sehen vom eintreffenden Tsunami. Da es noch nicht viel Material von einer gerade passierenden Katastrophe gab, beschränkten wir uns im Radio in unseren Eilmeldungen auf Beschreibungen und einge kurze Originaltöne. Die eintrudelnden Informationen waren teilweise schon lächerlich im Vergleich zu den Bildern, die zu sehen waren. Erste Informationen nannten fünf Tote oder so. Als ich die Bilder sah, sagte ich zu einer Kollegin:”Die Agenturmeldungen sind peinlich. Das sind keine fünf Tote. Das sind zwischen 5.000 und 50.000 Opfer.”

Nach meinem Dienst, brach ich auf Richtung Berlin, um dort am Grünen Metropolenkongress teilzunehmen. Ich traf mich mit einem Freund, mit dem ich zusammen forthin fahren wollte. Gerade im ICE eingestriegen sprachen wir auch über die Katastrophe. Dieser Freund brachte die Lage auf den Punkt: “Wenn wir jetzt alle mit dem ICE verunglücken, interessiert das bei dieser Themenlage kein Schwein.” Zu diesem Zeitpunkt war aber der Ernst der Lage an den Japanischen Atomreaktoren noch garnicht abzusehen. Nur erste Meldungen von abgeschalteten Kraftwerken machten die Runde.

Im Laufe des Tages änderte sich das aber zunehmend. Gedrückte Stimmung, die Katastrophe war Gesprächsthema überall. An jedem Tisch im Restaurant. In U- und S-Bahnen. Auch der Abend im Hotelzimmer war geprägt von der Katastrophe. Die ganze Zeit lief der Fernseher. Auch wenn die Sender sehr wenige Bilder zur Verfügung hatten. Die Auswahl der Programme war in dem nicht sehr luxuiösen Hotel noch dazu sehr begrenz.

Der nächste Morgen. Metropolenkongress der Grünen Bundestagsfraktion. In den Frühnachtrichten erste Meldungen, dass es wirklich zur Kernschmelze kommt in dem japanischen Reaktor. Im Foyer des Veranstaltungshauses jede Menge Stehtische. Angela Spizig, die grüne Bürgermeisterin von Köln, kam an unseren Tisch. Ich habe mich zwar gefreut, Angela zu sehen. Aber die Stimmung war angesichts der Ereignisse gedrückt. Nicht nur bei uns. Überall, wo man hinhörte, Gespräche über Japan. Die Abgeordnete, die die Kongress eröffnete, war merklich bewegt von den Ereignissen in Japan und dem dortigen Atomkraftwerk.

Der Kongress nahm seinen Lauf. Trotzdem schauten alle immer wieder mit ihren Handys, wie die aktuelle Nachrichtenlage aussieht. Ob es nicht doch noch Entwarnung aus Japan gibt. Am Nachmittag dann schrieb mir ein Freund aus Berlin von einer spontan organisierten Trauer-Demo am Abend. Kurz vor dem Ende der Veranastaltung machten wir uns dann auf den Weg, um pünktlich zum Demozug dabei sein zu können. Um 18.30 Uhr ging es los, vom Alexanderplatz zum KanzlerInnenamt. Die Stimmung: Eine Mischung aus Trauer und Wut. Trauer für die vielen unschuldigen Menschen, die unter der Strahlung leiden und daran verrecken werden, genauso wie nach Tschernobyl. Wut auf die Politik, die vielerorts die Atomlobby vertreten hat. International, aber natürlich auch in Deutschland. Besonders deutlich wurde das vor dem KanzlerInnenamt. Ein bewegender Moment auch die Schweigeminte vor Angies Hütte. Denn dort wurde ja auch immer wieder die Atomlobby von ihr eingeladen wurde. Ein sehr bewegter Tag.